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Bochumer Historikerpreis

Die britische Sozial- und Kulturhistorikerin Catherine Hall erhält den 6. Bochumer Historikerpreis. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis würdigt das beeindruckende Lebenswerk der britischen Historikerin, die bis zu ihrer Emeritierung am University College London lehrte. Diese Entscheidung gab heute die Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets bekannt, die die Auszeichnung seit 2002 im Drei-Jahres-Rhythmus gemeinsam mit der Stadt Bochum, der Ruhr-Universität Bochum und der Stiftung der Sparkasse Bochum zur Förderung von Kultur und Wissenschaft verleiht. Schirmherr des Bochumer Historikerpreises ist der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen Armin Laschet.

„Catherine Hall gehört zweifellos zu den weltweit methodisch innovativsten Forscherinnen und Forscher im Feld der Sozial- und Kulturgeschichte. Ihre Arbeiten genießen international höchste Anerkennung und werden nicht nur in der wissenschaftlichen Fachwelt breit rezipiert. Auch in den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten um den Kapitalismus wird auf Halls Werk Bezug genommen“, begründete Prof. Stefan Berger, Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets die Entscheidung der Stifter.

Bereits ihr 1987 gemeinsam mit Leonore Davidoff verfasstes Erstlingswerk über “Family Fortunes. Men and Women of the English Middle Class 1780 -1850” (Familienschicksale. Männer und Frauen der englischen Mittelklasse 1780-1850) wurde breit rezipiert und entfaltete in längerer Perspektive eine bahnbrechende Wirkung auf die Entwicklung der internationalen Geschichtsschreibung über Klassen-und Geschlechterbeziehungen. Catherine Hall wurde 1992 an der University of East London promoviert.

Seit 1998 bis zu ihrer Emeritierung war sie Professor of Modern Social and Cultural History am University College London. Der Einfluss von sozialen Klassen sowie die Kategorie Geschlecht blieben im Zentrum ihres Blicks auf historische Prozesse. Dabei galt Catherine Halls Interesse vor allem der Beziehung zwischen Metropole und Kolonien im britischen Empire des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie untersuchte, wie die Erfahrung des Empire „zu Hause“ in England gelebt wurde, welche Wirkung sie insbesondere auf das großstädtische Leben sowie auf die Ausbildung weiblicher und männlicher Identitäten in England hatte. Insbesondere die systematische und multiperspektivische Aufeinanderbeziehung der Fragen von race, gender und class stellt eine herausragende Pionierleistung dar. Ihre hohe internationale Reputation ermöglichte ihr die Leitung von zwei europäischen Großprojekten zur britischen Sklavereigeschichte. Catherine Hall ist Chair Emerita des Centre for the Study of the Legacies of British Slave-ownership.

In Halls Arbeiten verschränken sich in methodisch innovativer Form einerseits nationale, koloniale und imperiale Perspektiven sowie andererseits mikro- und makrohistorische Arbeitsweisen. Mit der Zuerkennung des 6. Bochumer Historikerpreises an Catherine Hall setzen die Stifter ein bewusstes Zeichen für eine politisch engagierte und zugleich wissenschaftlich exzellente Forschung. Mit Catherine Hall ehren sie eine Wissenschaftlerin, die auch als public intellectual wirkt. Ihre Arbeiten, zuletzt diejenigen über die erhebliche Bedeutung des Sklavereigeschäftes für den gesellschaftlichen Reichtum Großbritanniens, beflügeln die wissenschaftliche ebenso wie die politische Auseinandersetzung.

Catherine Hall folgt den bisherigen Preisträgern Marcel van der Linden (2014), Christoph Kleßmann (2011), Eric Hobsbawm (2008), Jürgen Kocka (2005) und Lutz Niethammer (2002). Sie ist damit die erste Frau, die mit dem Bochumer Historikerpreis ausgezeichnet wird. Mit dem Preis werden alle drei Jahre herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte gewürdigt, die national wie international große Aufmerksamkeit gefunden haben.

Der Preis wird auf einer Festveranstaltung am 15. November im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum übergeben.