Institut für soziale Bewegungen (ISB)

Institut für soziale Bewegungen

Zum Begriff der sozialen Bewegungen

Soziale Bewegungen sind gesellschaftlichen Ursprungs. Sie entstehen, weil Lebensweisen sowie wirtschaftlich, politisch und kulturell prägende, gemeinsame Daseinsbedingungen es Gruppen von Menschen nahe legen, ihren Willen zu Gehör zu bringen und möglichst durchzusetzen. Dabei entfalten soziale Bewegungen typische Artikulations- und Aktionsformen und durchlaufen typische Entwicklungsstadien. Sie bedienen sich verschiedener Formen sozialen Protests meist vor der Schwelle formaler Organisation. Wenn und sobald diese erreicht ist, entwickeln sie Techniken der Willensbildung und -delegation nach innen, verständigen sich über gemeinsame Ziele und versuchen, auf andere Individuen, gesellschaftliche Gruppen und die Politik insgesamt einzuwirken, um ihre spezifischen Interessen und ihre Vorstellungen von einer erstrebenswerten Beschaffenheit der Gesellschaft durchzusetzen.

Anders als bedürfnisorientierte Vereinsbewegungen, streben soziale Bewegungen nach Veränderung im öffentlichen, politischen Raum. In diesem Sinne haben bürgerliche Emanzipationsbewegungen Vereine gebildet und den politischen Liberalismus begründet; Bauernbewegungen führten zur Gründung von Interessenverbänden und gelegentlich auch politischen Parteien; Konfessionsbewegungen erreichten zeitweilig parteipolitisches Format; die Arbeiterbewegungen prägten ein meist dreigliedriges, stark klassen- und milieubezogenes Gefüge von Organisationen (Gewerkschaften, Genossenschaften, Sozialdemokratien) aus; neuere soziale Bewegungen in strukturell hoch differenzierten Gesellschaften organisieren sich zielorientiert, d. h., lokal oder regional, spezifisch oder mit allgemeinem Anspruch, als Ausländervertretung, Ökologie-Bewegung, Studentenverband oder politische Partei. Die programmatische Selbstverortung einer sozialen Bewegung korreliert mit ihrem politischen Gestaltungsanspruch. Politische Parteien behalten insofern den Charakter sozialer Bewegungen, als sie in ihrer Politik nach dem Maß der Umsetzung neuer Tendenzen und gesellschaftlicher Formveränderungen erfolgreich zu sein pflegen.

Der Ausdruck „soziale Bewegung“ entstand im „Zeitalter der Bewegungen“, d. h., im Europa des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist in der zeitgenössischen Sozialkritik Englands, Frankreichs und Deutschlands, hier insbesondere in der jüngeren Schule der historischen Nationalökonomie, synonym für Arbeiterbewegung verwendet worden. In diesem Sinne hat ihn Georg Eckert im Editorial zum „Archiv für Sozialgeschichte“ verwendet. Das hing in erster Linie mit dem Umstand zusammen, dass der Aufstieg der europäischen Arbeiterbewegungen die Wahrnehmung der Zeitgenossen dominierte; indessen sind auch die organisatorischen und politischen Formierungen nichtproletarischer Träger frühzeitig als soziale Bewegungen apostrophiert worden. Der Begriff ist in alle wichtigen Sprachen ohne signifikante Bedeutungsverschiebung übersetzt. Er wird in einer ganzen Reihe von nichtdeutschen Zeitschriftentiteln gespiegelt; ein in der Bundesrepublik Deutschland vor längerer Zeit publiziertes „Jahrbuch für soziale Bewegungen“ erscheint nicht mehr.

In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird oft zwischen „alten“ und „neuen“ sozialen Bewegungen unterschieden, und der erste Begriff wird gern den großen Bewegungen der Aufklärung und der Industrialisierungszeit, der zweite den kommenden und gehenden Bewegungen der postindustriellen, demokratisch-pluralistischen Gegenwart vorbehalten. Oft wird gerade die Arbeiterbewegung als prototypische „alte“ soziale Bewegung charakterisiert, und dann lässt sich leicht vom „Ende der Arbeiterbewegungen“ oder vom „sozialdemokratischen Jahrhundert“ sprechen, geflissentlich am Ende des letzteren.

Die Namensgebung des Instituts für soziale Bewegungen resultiert aus der Annahme, dass Forschung und Lehre über soziale Bewegungen die „Bewegungsprinzipien“ demokratischer Gesellschaften überhaupt zu erkennen hilft und dass Forschung über Arbeiterbewegungen hierzu einen sehr wichtigen, in seiner Bedeutung jedoch nur im Vergleich mit anderen sozialen Bewegungen messbaren Beitrag leisten kann. Darüber hinaus öffnet sich das Institut durch die Umbenennung hin zu weiteren Arbeitsfeldern und entspricht seiner universitätsrechtlichen Disposition.

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